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| Berliner Zeitung | 07. November 2009, Seite 3 Die Prüfung BERLIN. November 2006. Im Saal der Potsdamer Philharmonie gibt es ein Konzert mit Mozarts Requiem. Auf dem Podium haben neben Orchester, Chor und Solisten an einem Lesetisch auch Walter und Inge Jens Platz genommen. Der Emeritus aus Tübingen soll in den Satzpausen eigene essayistische Exkurse zum gespielten Werk vortragen, so ist es angekündigt. Der Gelehrte macht einen verunsicherten Eindruck, nestelt verlegen in den Manuskriptblättern herum, als begegnete er den Texten zum ersten Mal. Nur zögerlich nimmt er seine Einsätze wahr. Es braucht Frau Inges behutsame Fingerzeige auf die Papiere vor ihm, um ihn zu den jeweils anstehenden Passagen zu führen. Es sind Meditationen über den Platz und die Gesichter des Todes im menschlichen Dasein. Es sind Worte zum Lobpreis des verehrten Musikergenies. Man hört und sieht, wie viel Kraft ihn der Vortrag kostet. Dann geschieht dem Rhetoriker, der fast ein Leben lang Auditorien fesselte, was ihm noch nie widerfuhr: Er erkennt das eigene Skript nicht mehr, verfängt sich in ihm, die Sprache stockt. Inge Jens übernimmt souverän seinen Part. Das Publikum feiert zum Schluss alle Akteure mit stehenden Ovationen. Was es nicht hören konnte nach jenem Hilfeakt der Inge Jens, bevor die Musik wieder einsetzte, waren zwei kurze Sätze, die der Ehemann ihr zuflüsterte. "Tut mir leid", sagte er. Und: "Ich kann nicht mehr". Es war der letzte öffentliche Auftritt des renommierten Germanisten, Schriftstellers und einstigen Akademiepräsidenten. Geistige Partnerschaft Gnadenlos festgehalten hat diesen bitteren Moment im Leben des Walter Jens die Nahaufnahme einer Kamera von "Zeitzeugen TV". Der Regisseur Thomas Grimm führte im Jahr 2006 mit Walter und Inge Jens eine Reihe von Interviews, in denen die Literaten über ihre lebenslange Liebe und geistige Partnerschaft Auskunft gaben. Grimm war zu Gast in ihrem Tübinger Haus, begab sich mit ihnen an Plätze ihres Wirkens, ging mit auf Lesereisen. Und zeichnete schließlich jenen Konzert- abend auf, an dem klar wurde, was sich im Laufe des Sommers immer deutlicher abgezeichnet hatte: dass die Demenz, an der Walter Jens seit drei Jahren litt, fortschritt. Thomas Grimm hat im Einvernehmen mit der Familie das traurige Schicksal dieses Bildungsbürgers, der die geistigen Diskurse in der Bundesrepublik lange mit prägte, seitdem ganz aus der Nähe verfolgt. Bis in die allerjüngsten Tage, bis zur inzwischen völligen Auslöschung von Jens' intellektuellen und denkerischen Fähigkeiten. Zwei unterschiedliche Bündel Filmmaterial sind so entstanden: Das eine stammt, bis auf wenige ältere Quellen, aus dem Jahr 2006 und ist der kongenialen Lebenspartnerschaft von Inge und Walter Jens gewidmet. Das andere berichtet von den dramatischen Veränderungen, die mit Walter Jens' Demenz über den Lebensalltag der Familie gekommen sind. Thomas Grimm hat das Wagnis unternommen, diese Herausforderung, diese Prüfung zum Thema eines Dokumentarfilms zu machen. Am Sonnabend wird er in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg uraufgeführt. Dramaturgischer Knotenpunkt des Films ist der letzte gemeinsame Auftritt beim Mozartschen Requiem in Potsdam. Ausschnitte davon durchziehen den Film. Erzählt wird vornehmlich aus der Perspektive von Inge Jens, der nun die alleinige Obhut für beider Leben und Werk auferliegt. Was auch den Titel begründet: "Frau Walter Jens" heißt der Film - eine Titel-Adaption des Jensschen Gemeinschafts-Bestsellers "Frau Thomas Mann", der sich mit dem Leben von Katia Mann beschäftigt. Gleich eingangs des Films stellt Inge Jens, nun allein auf einer Lesereise, klar: "Unsere Ehe, als Institution und als emotionale Bindung, steht überhaupt nicht zur Disposition. Trotzdem: Es ist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe. Unsere geistige Partnerschaft ist über 50 Jahre hin ein bedeutender Bestandteil unserer Ehe gewesen. Das alles gibt es nicht mehr. Er ist nicht mehr in der Lage, diesen Part zu spielen." So sieht man ihn auch im Film: erschütternde Bilder eines rational nicht mehr ansprechbaren Menschen - wie feinfühlig ausgewählt die Aufnahmen auch immer sind, eine entwürdigende Vorführung meidend. Walter Jens kann seinen Namen nicht mehr schreiben, die Personen auf den Familienfotos nicht mehr erkennen. Ein Mensch aber ist er, dem auf anrührende Weise mal Freude und Zutrauen, mal Trauer, Schmerz oder auch Ängste im Gesicht stehen. Das muss man als Zuschauer alles erst mal aushalten, erst recht dann noch, wenn in beständigem Schnittwechsel mit Bildern aus dem anderen Film-Bündel jener Walter Jens erscheint, der dieser einmal war. Sich erinnernd an die Zeit der jungen Liebe, an die Gruppe 47 ("Mir klopft heute noch das Herz"), an die Freundschaften mit "Väterchen Rowohlt", Hans Mayer oder Ernst Bloch, an die Akademie-Vereinigung, an die eheinternen Kräche beim gemeinsamen Verfassen von Büchern. Muss man sich diesen Erschütterungen aussetzen? Muss man den Homme de lettres in diesem Zustand der Mitwelt vorzeigen? Das Warum Ja, sagt "Frau Walter Jens" im Film. Sie fände es "unehrlich und auch kaum begründbar, die Krankheit einfach auszuklammern. Auch sie gehört zu unserem, zu meinem Leben, und ich habe gelernt, sie zu akzeptieren, ohne nach dem Warum zu fragen." Ja, es sei "furchtbar traurig, zu sehen, wie ein Mensch leidet, wie das, was ihn ausgemacht hat, verschwindet, abhanden kommt. Aber es ist kein Grund zum Hadern." Es tröste sie, dass dank der Bestseller-Einkünfte und glücklich gefundenen Personals Walter Jens' Pflege optimal geregelt sei. Und sie hoffe, dass seine Lage ihm nicht wieder zu Bewusstsein kommt. "Er muss nicht noch wissen, wie krank er ist und dass er viele Sachen nicht kann. Er hat, als er noch ein bisschen denken konnte, sich nicht freuen können, dass er noch denken kann. Sondern er hat nur gemerkt, was ihm fehlt."
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