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Neues Deutschland

7.11.2009

Requiem für einen Denker
»Frau Walter Jens« – ein Dokumentarfilm von Thomas Grimm

Von Gunnar Decker

Am Anfang erinnern sie sich noch gemeinsam. Wie er nach dem Krieg in seinem Zimmer im Mantel saß, in dem der Ofen nicht geheizt war, obwohl draußen vor der Tür abgesägte Besenstiele darauf warteten, verfeuert zu werden. Wie sie sich von ihm Griechischunterricht geben lassen wollte und ihm dafür den Ofen heizte. »Griechisch habe ich nicht gelernt, aber den Ofen heize ich noch immer.« Inge Jens lacht jenes hanseatische Lachen in die Kamera, dem die Welt nicht viel anzuhaben vermag. Walter Jens, ihr Mann seit fast sechs Jahrzehnten, lacht auch, aber dies Lachen passt nicht zu ihm, ihm fehlt etwas: die Kontur.

Das ist 2006 und der Berliner Filmemacher Thomas Grimm wundert sich. Gewiss, Walter Jens leidet seit Jahren unter Depressionen, aber seine plötzlichen Gedächtnisausfälle und Artikulationsschwierigkeiten haben eine neue Qualität erreicht. Es ist nicht mehr zu übersehen, was Inge Jens längst weiß: Walter Jens, der 1923 geborene Intellektuelle, leidet unter Demenz. Die Krankheitsgeschichte ist von Sohn Tilman Jens auf drastische Weise geschildert worden und auch Inge Jens hat in ihrer in diesem Jahr erschienenen Autobiografie darüber geschrieben, wie es ist, einen Menschen Tag um Tag ein Stückchen mehr zu verlieren.

Das kann jedem passieren, das ist nicht einmal so selten. Brutal für den, der unter die Oberfläche des Bewusstsein zu geraten droht, den die Angst davor umkrallt wie einen Ertrinkenden. Manchmal merkt der im Dunkel der Bewusstlosigkeit Versinkende, wie es um ihn steht, und diese Angst belastet seine Umgebung noch zusätzlich. Welch Demütigung hält das Leben für den einst so stolzen Rhetorikprofessor bereit: ein hilflos lallendes Stück Natur zu sein, dessen Tod für alle eine Befreiung wäre.

Thomas Grimm führte die Interviews mit Inge und Walter Jens von 2005 bis 2009 – als Teil seiner großen Dokumentation über die prägenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Begonnen hat er mit diesem groß angelegten Projekt schon Mitte der 80er Jahre – und was Winfried Junge für Golzow, das ist Thomas Grimm für die deutschen Intellektuellen: ein Zeitzeuge, erst im Osten, dann auch im Westen. Sein Archiv mit vielen tausend Stunden Interviews ist so zum kostbaren Langzeitgedächtnis deutscher Geistesgeschichte geworden – von Hans Mayer, Walter Markov über Rudolf Schottlaender, Rudolf Bahro, Leo Kofler bis zu Günter Gaus und Peter Bender hat der unermüdliche Dokumentarist und studierte Philosoph inzwischen viele Dutzend filmische Porträts geschaffen, die niemals auf den vordergründigen Effekt setzen, sondern in aller epischen Ausführlichkeit Gespräche über Biografie und das Beharrende im Wechsel der Zeiten führen. So begann er auch beim Ehepaar Jens in Tübingen. Ein Interview mit Walter Jens und seiner Frau. Sie sprachen über Thomas Mann, über Tübingen und Ernst Bloch, über Editionsarbeit und das gemeinsame Schreiben ihres Buches »Frau Thomas Mann«.

Doch dann verschoben sich die Akzente – Walter Jens konnte immer weniger beitragen, Inge Jens bestritt die Gespräche mehr und mehr allein. Und nun verwandelt es sich in das filmische Protokoll einer Krankheit. Es ist eindrucksvoll und erschütternd zugleich zu sehen, wie das Ehepaar zum Mozart-Requiem in Potsdam 2006 aus einem Text von Walter Jens liest – es geht um Verlöschen und Tod – und Walter Jens plötzlich nicht mehr weiterlesen kann. Inge Jens übernimmt nun ganz seinen Part. »Tut mir leid, ich kann nicht mehr«, stöhnt er am Ende zu seiner Frau hinüber – und sein Gesicht ist pure Passion.

Dann wird es ein Film über Inge Jens – und einer über den Schatten Walter Jens. Wir sehen ihn noch, aber er kann kaum noch sprechen. Am schlimmsten sei, so Inge Jens, »der Verlust der verbalen Kommunikation«. Es ist nun auch ein Bericht über häusliche Pflege – und den Versuch der Frau, nicht daran zugrunde zu gehen, weiter mit der ihr gegebenen Stärke zu lesen und zu schreiben – die zwei, drei Stunden am Tag, die ihr Mann schläft. Nein, nicht »Frau Walter Jens« sehen wir hier, sondern Inge Jens, selbstverständlich selbstbestimmt lebend – und das zweifellos schon immer. Spazieren zu gehen, das traut sie sich höchstens noch für eine halbe Stunde am Tag. Da Walter Jens weiterhin im Haus betreut wird, aber von Helfern, die sie sich selbst ausgesucht hat, bekommt er statt Pflegestufe 3 nur sechshundert Euro. Prosa der deutschen Verhältnisse.

Wieviel Diskretion verlangt die Krankheit, wieviel Transparenz im Umgang mit ihr ist sinnvoll? Der Film beantwortet die Frage nicht, er zeigt den schweren Alltag einer Frau. Zerstört es das Bild des Intellektuellen Walter Jens, wenn man ihn so sieht? Diese Diskussion erhitzte sich besonders anhand des Buches seines Sohnes Tilman Jens. Sollten wir nicht lernen, etwas auseinanderzuhalten: das, was die Lebensleistung eines Menschen ist und das, was ihm unverschuldet zugestoßen ist? Letzteres vor den Augen der Welt zu verstecken, gibt es keinen Grund.

Heute Abend wird der Film »Frau Walter Jens« erstmals in der Berliner Akademie der Künste gezeigt.

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