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Pressestimmen zu »Die Honeckers Privat«

Spiegel Online 14.05.2003

Honecker-Doku im MDR: Der Bigamist, der gerne Klopse aß

Von Henryk M. Broder

Zwei Menschen wie du und ich, Erich und Margot Honecker, standen lange an der Spitze der DDR. Die Polit-Romanze begann im Schneetreiben und endete mit einem Desaster... Der MDR, der so manche schöne Tradition fortführt, feierte am Dienstag mit der Dokumentation "Die Honeckers privat" ein menschelndes Familienfest.

Es war nicht alles schlecht in der DDR. Es gab nicht nur die Mauer und den Schießbefehl, das Politbüro und das Zentralkomitee, die Todesstrafe für politische Vergehen und manipulierte Wetterberichte, mit denen im Sommer die Hitze und im Winter die Kälte geschönt wurden, es gab auch die romantische Liebe, die sich unter widrigen Bedingungen behaupten musste. Wie die zwischen Erich Honecker und der 15 Jahre jüngeren Margot Feist. Er war der Vorsitzende der "Freien Deutschen Jugend", sie stand an der Spitze der "Jungen Pioniere". Zwei Jugendliche aus Überzeugung sozusagen, wie für einander geschaffen, denen der Gesprächsstoff, die Grundlage jeder guten Beziehung, nie ausgehen sollte. Ausgerechnet bei den Feiern zu Stalins 70. Geburtstag in Moskau, 1949, funkte es zwischen den beiden, und als das Flugzeug, mit dem sie dann heimflogen, wegen eines Schneesturms in Polen notlanden musste, kamen sie sich näher. Was für eine Vorstellung: Während draußen die Natur tobt, kuscheln Margot, 22, und Erich, 37, aneinander, schauen sich tief in die Augen und beschließen, fortan gemeinsam der Republik zu dienen.

So was muss Günter Grass gemeint haben, als er nach dem Untergang der DDR von einer "kommoden Diktatur" sprach.

Im Falle von Margot und Erich hatte die Liebe nur einen Haken, Erich war schon verheiratet und die Affäre, erinnert sich ein Mitglied des Politbüros, "verstieß gegen die Moral der Partei". Für einen gemeinsamen Urlaub musste das Paar eine Genehmigung des Politbüros einholen. Honeckers Ehefrau, Edith Baumann, hatte sich bei Walter Ulbricht über die Eskapaden ihres Mannes beschwert. Vergeblich, denn schließlich durfte Erich seine Margot heiraten, zwei Jahre bevor er von Edith formell geschieden wurde. Nimmt man es mit der sozialistischen Moral genau, war der spätere erste Sekretär der Partei und Staatsratsvorsitzende eine Weile auch ein Bigamist - mit Wissen und Zustimmung der DDR-Organe, die im Allgemeinen nicht so liberal waren.

"Die Honeckers privat", am Dienstagabend im MDR gezeigt, das war die DDR im Kleinen, ein ehrgeiziges Kleinbürgerpaar an der Spitze einer Kleinbürgerrepublik, zwei Funktionäre, die nicht nur politisch sondern auch ästhetisch den Ton angaben, ein gelebter Lore-Roman der real existierenden sozialistischen Tristesse. Bei der Hochzeit sang Erich revolutionäre Lieder, darunter den "Kleinen Trompeter", während Margot selbst gemachte Thüringer Klöße servierte. Sie war, erinnert sich Wolf Biermann, "hochintelligent aber ungebildet", dabei "ein aufrichtiger und eher freundlicher und guter Mensch", besuchte den Sänger in dessen Wohnung, "saß im großen Ohrensessel und machte sich Sorgen um mich". Und Markus Wolf, der kommentarlos als "HVA-Chef" vorgestellt wird, weiß auch nur gutes über die spätere First Lady der DDR zu berichten: "Sie war freundlich und nett, wie das die Muttis eben sind."

DDR-Dissident Biermann: Mutti Margot war "hochintelligent aber ungebildet".
Es war eben eine Diktatur mit menschlichem Antlitz, und der MDR, der so manche schöne DDR-Tradition weiter pflegt, sorgte für eine Art Familienfeier am späten Abend: Der prominenteste Dissident der DDR, Biermann, und der "Meisterspion" der DDR, Wolf, waren einer Meinung über Mutti Margot, unter der harten Schale der Karrierefrau steckte ein weicher Kern. Bei Erich dagegen war es eher umgekehrt. Er aß am liebsten Makkaroni mit Schinken und Klopse, "wenn es ging, jeden zweiten Tag", erinnert sich ein Weggefährte, zugleich war er im Politbüro zuständig für die "Sicherheit". Kein Wunder, dass er sich ab und zu entspannen musste.

Zu Hause in Wandlitz, wo die Familie ein Haus mit sieben Zimmern bewohnte, schaute er sich am liebsten Tierfilme an und zwischendurch auch "was Sexmäßiges". Im fortgeschrittenen Alter soll er eine Vorliebe für "Ballett-Elevinnen" entwickelt haben, was ihm Mutti Margot natürlich übel nahm.

Nein, viel Neues hatten "die Honeckers privat" nicht anzubieten, außer vielleicht, dass Erich in der Schorfheide einen eigenen Hochstand hatte, der mit dickem Teppichboden ausgelegt war und bei der Jagd am liebsten ein Gewehr aus DDR-Produktion benutzte, obwohl er auch richtig edle Waffen besaß, die ihm von Staatsgästen aus aller Welt geschenkt wurden. Er war eben ein einfacher Mensch, der bei Kasseler und DAB-Bier glücklich sein konnte, es nicht schaffte, Russisch zu lernen und seinen Hund "Flex", vermutlich einen Cocker-Spaniel, liebte, der alle Menschen in Honeckers Umgebung, sogar die Personenschützer ,"von hinten" anfiel.

Wann haben wir Ähnliches über einen großen deutschen Politiker und bekannten Tierfreund zuletzt oder überhaupt schon einmal gehört?

Es menschelte kräftig bei den Honeckers, obwohl es in Wandlitz, wo 600 Angestellte für die 23 Politbüro-Familien sorgten, "keine Nachbarschaftshilfe gab" und man einander nie besuchte. "Ein Privatleben war das nicht", sagt Margot Honecker, die heute bei ihrer Tochter in Chile lebt. Aber irgendwie war es doch eine aufregende Zeit, bis alles in sich zusammen fiel. Und es menschelt immer noch, wenigstens spätabends im MDR.