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Pressestimmen zu »Frau Walter Jens«

Berliner Morgenpost

Dienstag, 10. November 2009

Wenn bei Walter Jens die Erinnerung stirbt
Von Eckhard Fuhr

Drei Jahre lang begleitete Thomas Grimm das Paar Inge und Walter Jens. Der dabei entstandene Film "Frau Walter Jens" sollte eigentlich nur ein Einblick in deren Schreibwerkstatt werden. Doch die Demenz des Tübinger Professors hat daraus ein Essay über das Sterben geistiger Produktivität gemacht.

Letzter gemeinsamer Auftritt von Inge und Walter Jens im Herbst 2006, eine Lesung zu Mozarts "Requiem", aufgeführt durch die Sinfonietta Potsdam, Todes-, Abschieds-, Erfüllungsmusik, dazwischen Briefe des Komponisten, Reflexionen über das Sterben und den Tod. Das Ehepaar sitzt dicht beieinander am Lesepult im Schein der Lampe. Walter Jens mustert ängstlich seine Papiere. Seine Frau führt seinen Zeigefinger an die Stelle, an der sein Part beginnt.

Die Musik verstummt. Jens beginnt zu lesen, klar, ausdrucksvoll, in spannungsvollen Bögen. So ist man das gewohnt von dem Tübinger Rhetor, der bis zu seinem Verschwinden in der Demenz einer der repräsentativen Intellektuellen der Bundesrepublik war und immer noch Ehrenpräsident der Berliner Akademie der Künste ist. Doch dann stellt sich ihm beim nächsten Einsatz das Wort "Anonymität" in den Weg.

Es will ihm nicht über die Lippen kommen. "Du weißt, dass ich damit immer Schwierigkeiten habe", flüstert er seiner Frau leise zu, die nun seinen Part übernimmt. Walter Jens verstummt unter den Klängen des "Recordare". Am Ende der Aufführung hört man ihn sagen: "Es tut mir so leid."

Wir hören das beiseite Gesprochene und Geflüsterte, weil Walter und Inge Jens Mikrofone für die Tonspur eines Filmes tragen, den der Dokumentarist Thomas Grimm gerade über das durch eine gemeinsam verfasste Katia-Mann-Biografie ("Frau Thomas Mann") zu Bestseller-Ruhm gekommene Autorenpaar dreht.

2006 erzwang die rapide fortschreitende Demenz Walters den Abbruch dieser Arbeit. Doch im vergangenen Frühjahr und Sommer reiste Grimm abermals nach Tübingen, um mit Inge Jens über ihre veränderten Lebensumstände zu sprechen und aufzuzeichnen, was geschieht, wenn in einer Intellektuellenehe, die nicht zuletzt auch als permanentes Gespräch geführt wurde, ein Partner geistig erlischt.

Sterben geistiger Produktivität

Sollte Grimms Film ursprünglich nur Einblicke in die Tübinger Schreibwerkstatt der beiden geben, so ist aus ihm nun ein Essay auch über das Sterben geistiger Produktivität und über Daseinsbewältigung nach dieser Katastrophe geworden. Am Samstagabend wurde "Frau Walter Jens" in der Akademie der Künste uraufgeführt. Der RBB hat angekündigt, die Dokumentation am 20. Dezember ins Abendprogramm zu nehmen.

Die Nacht muss sich schnell über die geistige Landschaft von Walter Jens gesenkt haben. Noch im Sommer 2006 sitzt das Ehepaar zuhause gemeinsam vor der Kamera zur Lebenserzählung. Man merkt zwar schon, dass Inge den roten Faden spinnt. Doch Walters Einwürfe sind voller Witz und Ironie.

Genau erinnert er sich noch daran, wie das war, als er in einer Tübinger Dachwohnung hauste und nicht wusste, wie der Ofen anzuheizen war, und dass er seiner künftigen Frau versprach, ihr Griechisch beizubringen, wenn sie das Heizen übernehme. Auch denkwürdige Auftritte bei den Treffen der Gruppe 47 weiß Walter Jens plastisch zu schildern.

Ein Besuch aber in seinem alten Universitätsbüro zeigt einen alten Mann, der durch die Flure schlurft, sich diebisch freut, dass der noch den "Generaler", den Generalschlüssel, hat. Doch als er an seinem Schreibtisch sitzt und von den Examenskandidaten erzählt, die er hier prüfte, da ist mit Händen zu greifen, dass die Erinnerung nur noch aus Schemen im Nebel besteht. Bald führen seine Wege immer öfter im Rollstuhl in Begleitung einer Pflegerin zu einem Bauernhof. Denn bei den Kühen fühlt er sich wohl.

Ins Zentrum des Films rückt Inge Jens. In ihrer Mischung aus Aufopferungsbereitschaft, Disziplin, Härte und geistiger Neugier ist sie eine bewundernswerte Frau. Nachdem sie gerade ihr Erinnerungsbuch "Unvollständige Erinnerungen" vorgelegt hat, erfährt sie durch Grimms Film nun eine eindrucksvolle Hommage.

 

 

 

Berliner Zeitung

07. November 2009, Seite 3

Die Prüfung
Volker Müller
Thomas Grimm erzählt in einem Film, wie die Demenzerkrankung des Gelehrten Walter Jens das Leben der Familie und vor allem das seiner Frau Inge verändert hat

BERLIN. November 2006. Im Saal der Potsdamer Philharmonie gibt es ein Konzert mit Mozarts Requiem. Auf dem Podium haben neben Orchester, Chor und Solisten an einem Lesetisch auch Walter und Inge Jens Platz genommen. Der Emeritus aus Tübingen soll in den Satzpausen eigene essayistische Exkurse zum gespielten Werk vortragen, so ist es angekündigt.

Der Gelehrte macht einen verunsicherten Eindruck, nestelt verlegen in den Manuskriptblättern herum, als begegnete er den Texten zum ersten Mal. Nur zögerlich nimmt er seine Einsätze wahr. Es braucht Frau Inges behutsame Fingerzeige auf die Papiere vor ihm, um ihn zu den jeweils anstehenden Passagen zu führen. Es sind Meditationen über den Platz und die Gesichter des Todes im menschlichen Dasein. Es sind Worte zum Lobpreis des verehrten Musikergenies. Man hört und sieht, wie viel Kraft ihn der Vortrag kostet.

Dann geschieht dem Rhetoriker, der fast ein Leben lang Auditorien fesselte, was ihm noch nie widerfuhr: Er erkennt das eigene Skript nicht mehr, verfängt sich in ihm, die Sprache stockt. Inge Jens übernimmt souverän seinen Part. Das Publikum feiert zum Schluss alle Akteure mit stehenden Ovationen. Was es nicht hören konnte nach jenem Hilfeakt der Inge Jens, bevor die Musik wieder einsetzte, waren zwei kurze Sätze, die der Ehemann ihr zuflüsterte. "Tut mir leid", sagte er. Und: "Ich kann nicht mehr".

Es war der letzte öffentliche Auftritt des renommierten Germanisten, Schriftstellers und einstigen Akademiepräsidenten.

Geistige Partnerschaft

Gnadenlos festgehalten hat diesen bitteren Moment im Leben des Walter Jens die Nahaufnahme einer Kamera von "Zeitzeugen TV". Der Regisseur Thomas Grimm führte im Jahr 2006 mit Walter und Inge Jens eine Reihe von Interviews, in denen die Literaten über ihre lebenslange Liebe und geistige Partnerschaft Auskunft gaben. Grimm war zu Gast in ihrem Tübinger Haus, begab sich mit ihnen an Plätze ihres Wirkens, ging mit auf Lesereisen. Und zeichnete schließlich jenen Konzert- abend auf, an dem klar wurde, was sich im Laufe des Sommers immer deutlicher abgezeichnet hatte: dass die Demenz, an der Walter Jens seit drei Jahren litt, fortschritt.

Thomas Grimm hat im Einvernehmen mit der Familie das traurige Schicksal dieses Bildungsbürgers, der die geistigen Diskurse in der Bundesrepublik lange mit prägte, seitdem ganz aus der Nähe verfolgt. Bis in die allerjüngsten Tage, bis zur inzwischen völligen Auslöschung von Jens' intellektuellen und denkerischen Fähigkeiten.

Zwei unterschiedliche Bündel Filmmaterial sind so entstanden: Das eine stammt, bis auf wenige ältere Quellen, aus dem Jahr 2006 und ist der kongenialen Lebenspartnerschaft von Inge und Walter Jens gewidmet. Das andere berichtet von den dramatischen Veränderungen, die mit Walter Jens' Demenz über den Lebensalltag der Familie gekommen sind.

Thomas Grimm hat das Wagnis unternommen, diese Herausforderung, diese Prüfung zum Thema eines Dokumentarfilms zu machen. Am Sonnabend wird er in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg uraufgeführt. Dramaturgischer Knotenpunkt des Films ist der letzte gemeinsame Auftritt beim Mozartschen Requiem in Potsdam. Ausschnitte davon durchziehen den Film. Erzählt wird vornehmlich aus der Perspektive von Inge Jens, der nun die alleinige Obhut für beider Leben und Werk auferliegt. Was auch den Titel begründet: "Frau Walter Jens" heißt der Film - eine Titel-Adaption des Jensschen Gemeinschafts-Bestsellers "Frau Thomas Mann", der sich mit dem Leben von Katia Mann beschäftigt.

Gleich eingangs des Films stellt Inge Jens, nun allein auf einer Lesereise, klar: "Unsere Ehe, als Institution und als emotionale Bindung, steht überhaupt nicht zur Disposition. Trotzdem: Es ist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe. Unsere geistige Partnerschaft ist über 50 Jahre hin ein bedeutender Bestandteil unserer Ehe gewesen. Das alles gibt es nicht mehr. Er ist nicht mehr in der Lage, diesen Part zu spielen."

So sieht man ihn auch im Film: erschütternde Bilder eines rational nicht mehr ansprechbaren Menschen - wie feinfühlig ausgewählt die Aufnahmen auch immer sind, eine entwürdigende Vorführung meidend. Walter Jens kann seinen Namen nicht mehr schreiben, die Personen auf den Familienfotos nicht mehr erkennen. Ein Mensch aber ist er, dem auf anrührende Weise mal Freude und Zutrauen, mal Trauer, Schmerz oder auch Ängste im Gesicht stehen.

Das muss man als Zuschauer alles erst mal aushalten, erst recht dann noch, wenn in beständigem Schnittwechsel mit Bildern aus dem anderen Film-Bündel jener Walter Jens erscheint, der dieser einmal war. Sich erinnernd an die Zeit der jungen Liebe, an die Gruppe 47 ("Mir klopft heute noch das Herz"), an die Freundschaften mit "Väterchen Rowohlt", Hans Mayer oder Ernst Bloch, an die Akademie-Vereinigung, an die eheinternen Kräche beim gemeinsamen Verfassen von Büchern.

Muss man sich diesen Erschütterungen aussetzen? Muss man den Homme de lettres in diesem Zustand der Mitwelt vorzeigen?

Das Warum

Ja, sagt "Frau Walter Jens" im Film. Sie fände es "unehrlich und auch kaum begründbar, die Krankheit einfach auszuklammern. Auch sie gehört zu unserem, zu meinem Leben, und ich habe gelernt, sie zu akzeptieren, ohne nach dem Warum zu fragen." Ja, es sei "furchtbar traurig, zu sehen, wie ein Mensch leidet, wie das, was ihn ausgemacht hat, verschwindet, abhanden kommt. Aber es ist kein Grund zum Hadern." Es tröste sie, dass dank der Bestseller-Einkünfte und glücklich gefundenen Personals Walter Jens' Pflege optimal geregelt sei.

Und sie hoffe, dass seine Lage ihm nicht wieder zu Bewusstsein kommt. "Er muss nicht noch wissen, wie krank er ist und dass er viele Sachen nicht kann. Er hat, als er noch ein bisschen denken konnte, sich nicht freuen können, dass er noch denken kann. Sondern er hat nur gemerkt, was ihm fehlt."

 

 

 

Die Welt

10. November 2009

"Frau Walter Jens"
Wenn bei Walter Jens die Erinnerung stirbt

Von Eckhard Fuhr

Drei Jahre lang begleitete Thomas Grimm das Paar Inge und Walter Jens. Der dabei entstandene Film "Frau Walter Jens" sollte eigentlich nur ein Einblick in deren Schreibwerkstatt werden. Doch die Demenz des Tübinger Professors hat daraus ein Essay über das Sterben geistiger Produktivität gemacht.

Thomas Grimm zeigt in seiner Dokumentation "Frau Walter Jens" das Autorenpaar Inge und Walter Jens unter anderem bei ihrem letzten gemeinsamen Auftritt.

Letzter gemeinsamer Auftritt von Inge und Walter Jens im Herbst 2006, eine Lesung zu Mozarts "Requiem", aufgeführt durch die Sinfonietta Potsdam, Todes-, Abschieds-, Erfüllungsmusik, dazwischen Briefe des Komponisten, Reflexionen über das Sterben und den Tod. Das Ehepaar sitzt dicht beieinander am Lesepult im Schein der Lampe. Walter Jens mustert ängstlich seine Papiere. Seine Frau führt seinen Zeigefinger an die Stelle, an der sein Part beginnt.

Die Musik verstummt. Jens beginnt zu lesen, klar, ausdrucksvoll, in spannungsvollen Bögen. So ist man das gewohnt von dem Tübinger Rhetor, der bis zu seinem Verschwinden in der Demenz einer der repräsentativen Intellektuellen der Bundesrepublik war und immer noch Ehrenpräsident der Berliner Akademie der Künste ist. Doch dann stellt sich ihm beim nächsten Einsatz das Wort "Anonymität" in den Weg.

Es will ihm nicht über die Lippen kommen. "Du weißt, dass ich damit immer Schwierigkeiten habe", flüstert er seiner Frau leise zu, die nun seinen Part übernimmt. Walter Jens verstummt unter den Klängen des "Recordare". Am Ende der Aufführung hört man ihn sagen: "Es tut mir so leid."

Wir hören das beiseite Gesprochene und Geflüsterte, weil Walter und Inge Jens Mikrofone für die Tonspur eines Filmes tragen, den der Dokumentarist Thomas Grimm gerade über das durch eine gemeinsam verfasste Katia-Mann-Biografie ("Frau Thomas Mann") zu Bestseller-Ruhm gekommene Autorenpaar dreht.

2006 erzwang die rapide fortschreitende Demenz Walters den Abbruch dieser Arbeit. Doch im vergangenen Frühjahr und Sommer reiste Grimm abermals nach Tübingen, um mit Inge Jens über ihre veränderten Lebensumstände zu sprechen und aufzuzeichnen, was geschieht, wenn in einer Intellektuellenehe, die nicht zuletzt auch als permanentes Gespräch geführt wurde, ein Partner geistig erlischt.

Sterben geistiger Produktivität

Sollte Grimms Film ursprünglich nur Einblicke in die Tübinger Schreibwerkstatt der beiden geben, so ist aus ihm nun ein Essay auch über das Sterben geistiger Produktivität und über Daseinsbewältigung nach dieser Katastrophe geworden. Am Samstagabend wurde "Frau Walter Jens" in der Akademie der Künste uraufgeführt. Der RBB hat angekündigt, die Dokumentation am 20. Dezember ins Abendprogramm zu nehmen.

Die Nacht muss sich schnell über die geistige Landschaft von Walter Jens gesenkt haben. Noch im Sommer 2006 sitzt das Ehepaar zuhause gemeinsam vor der Kamera zur Lebenserzählung. Man merkt zwar schon, dass Inge den roten Faden spinnt. Doch Walters Einwürfe sind voller Witz und Ironie.

Genau erinnert er sich noch daran, wie das war, als er in einer Tübinger Dachwohnung hauste und nicht wusste, wie der Ofen anzuheizen war, und dass er seiner künftigen Frau versprach, ihr Griechisch beizubringen, wenn sie das Heizen übernehme. Auch denkwürdige Auftritte bei den Treffen der Gruppe 47 weiß Walter Jens plastisch zu schildern.

Ein Besuch aber in seinem alten Universitätsbüro zeigt einen alten Mann, der durch die Flure schlurft, sich diebisch freut, dass der noch den "Generaler", den Generalschlüssel, hat. Doch als er an seinem Schreibtisch sitzt und von den Examenskandidaten erzählt, die er hier prüfte, da ist mit Händen zu greifen, dass die Erinnerung nur noch aus Schemen im Nebel besteht. Bald führen seine Wege immer öfter im Rollstuhl in Begleitung einer Pflegerin zu einem Bauernhof. Denn bei den Kühen fühlt er sich wohl.

Ins Zentrum des Films rückt Inge Jens. In ihrer Mischung aus Aufopferungsbereitschaft, Disziplin, Härte und geistiger Neugier ist sie eine bewundernswerte Frau. Nachdem sie gerade ihr Erinnerungsbuch "Unvollständige Erinnerungen" vorgelegt hat, erfährt sie durch Grimms Film nun eine eindrucksvolle Hommage.

 

 

 

dpa 06. November 2009

Abschied vom Partner: «Frau Walter Jens»

Von Wilfried Mommert, dpa - Eine Frau nimmt Abschied von ihrem Mann noch zu Lebzeiten des geliebten Partners, der bereits seine Reise in das Dunkel der Demenz-Krankheit angetreten hat.

«Die Ehe steht nicht zur Disposition, trotzdem ist es nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe. Es war ja eine geistige Partnerschaft über 50 Jahre unserer Ehe, das gibt es nicht mehr.» Die Worte der 82-jährigen Inge Jens über ihren Mann Walter Jens lassen keinen Zuschauer unberührt bei der Uraufführung des Films «Frau Walter Jens» von Thomas Grimm am Samstagabend in der Berliner Akademie der Künste. Lange Jahre hatte Walter Jens die Akademie geschickt und temperamentvoll geleitet, heute ist er deren Ehrenpräsident.

«Zusammen mit Heiner Müller hat er die Hauptlast der Vereinigungsquerelen getragen», sagte der heutige Akademiepräsident Klaus Staeck in Erinnerung an die Auseinandersetzungen um die Vereinigung beider Ost- und West-Akademien 1993. Jens hat sein literarisches Archiv inzwischen der Akademie übergeben. Für ihn gehörte die Präsidentschaft in Berlin «zu den Hochzeiten seines Lebens», wie Inge Jens nach der Vorführung des Films in der Akademie sagte.

Die filmische Hommage erzählt von der jahrzehntelangen Lebens- und Arbeitspartnerschaft und gibt einen einfühlsamen Einblick in den Alltag des Tübinger Ehepaares seit der Erkrankung des heute 86-jährigen Literaturhistorikers und früheren Rhetorik-Professors. Es ist aber auch ein Blick «hinter die Kulissen» der «Schreibwerkstatt Jens», in der zuletzt noch gemeinsam als Alterswerk der Bestseller «Frau Thomas Mann» entstanden war, ein Porträt von Katia Mann (1883-1980).

Der Film begleitet das Ehepaar bei seinen letzten öffentlichen Auftritten 2006, als Inge Jens merkte, dass ihr Mann, einer der letzten großen Bildungsbürger der Republik, beim Büchersignieren seinen Namen nicht mehr schreiben konnte. Der Regisseur unterbrach damals die Dreharbeiten und reiste im Frühjahr 2009 erneut nach Tübingen, um den jetzigen Alltag des Ehepaares mit der aufwendigen Pflege des sichtlich hinfällig gewordenen Walter Jens, der manchmal nachts durchs ganze Haus wandert, zu dokumentieren. So enthält der Film auch letzte Gespräche mit Walter Jens vor der Kamera. Noch einmal blättert das Ehepaar in alten Fotoalben, um an die Anfänge der Ehe und der Arbeit in Tübingen 1951 und die Begegnungen mit Geistesgrößen wie Ernst Bloch oder Hans Mayer zu erinnern.

Bei den letzten öffentlichen Lesungen muss die Germanistin Inge Jens zunehmend die eigentlich ihrem Mann zugedachten Passagen übernehmen. «Tut mir leid, ich kann nicht mehr», flüsterte der Ehemann ihr zu. «Das war für mich der Schlusspunkt, dem wollte ich ihn nicht mehr aussetzen». Es sei für ihren Mann wohl selbst die schlimmste Zeit gewesen, «dass er mit ansehen musste, dass seine Fähigkeiten abnahmen». So ist auch aus der Autobiografie von Walter Jens nichts mehr geworden. Seine Frau hat ihre in diesem Jahr mit großem Erfolg veröffentlicht («Unvollendete Erinnerungen».) Dabei hat die Herausgeberin der Thomas-Mann-Tagebücher auch jene öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, die ihr in früheren Jahren als «Frau von Walter Jens» oft versagt geblieben ist.

Walter Jens hat Zeit seines Lebens gerne im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden, «auch weil er was zu sagen hatte», wie Inge Jens betont. Jetzt aber hoffe sie, dass ihr Mann seine Situation nicht mehr realisiert. «Es ist unendlich traurig, aber es ist wie es ist. Und er ist ein alter Mann, dem die bestmögliche Pflege zu Teil wird... Da es ihn mit über 80 Jahren getroffen hat, besteht kein Grund zum Hadern.» Und ebenso nüchtern fügt die 82-Jährige hinzu: «Ich habe gelernt, die Krankheit zu akzeptieren ohne nach dem Warum zu fragen. Denn wenn ich sie stellen würde, müsste ich auch fragen, warum es uns so lange so unverhältnismäßig gut gegangen ist, und darauf habe ich auch keine Antwort.»

Das Ehepaar hat eine gegenseitige Patientenverfügung niedergelegt, nach der in bestimmten Situationen auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet werden soll. «Ich werde vermutlich keine Zustimmung für eine Magensonde geben. Das hieße, dem lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen, so als wenn ich ihn in seinem jetzigen Zustand vom Leben zum Tode befördern würde.»

Der Film zeigt das Ehepaar bei einem seiner letzten Spaziergänge auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo außer dem Philosophen Hegel und dem Dramatiker Brecht auch ihr gemeinsamer Freund und Weggefährte Hans Mayer seine letzte Ruhe gefunden hat. Inge und Walter Jens haben sich auch schon ihre letzte Ruhestätte ausgesucht - auf dem Stadtfriedhof in Tübingen in der Nähe von Friedrich Hölderlin und Ludwig Uhland.

 

 

 

Märkische Oderzeitung 8. November 2009

Abschied vom Partner: "Frau Walter Jens"

Berlin (dpa)
Eine Frau nimmt Abschied von ihrem Mann noch zu Lebzeiten des geliebten Partners, der bereits seine Reise in das Dunkel der Demenz-Krankheit angetreten hat. "Die Ehe steht nicht zur Disposition, trotzdem ist es nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe. Es war ja eine geistige Partnerschaft über 50 Jahre unserer Ehe, das gibt es nicht mehr." Die Worte der 82-jährigen Inge Jens über ihren Mann Walter Jens lassen keinen Zuschauer unberührt bei der Uraufführung des Films "Frau Walter Jens" von Thomas Grimm am Samstagabend in der Berliner Akademie der Künste. Lange Jahre hatte Walter Jens die Akademie geschickt und temperamentvoll geleitet, heute ist er deren Ehrenpräsident.

"Zusammen mit Heiner Müller hat er die Hauptlast der Vereinigungsquerelen getragen", sagte der heutige Akademiepräsident Klaus Staeck in Erinnerung an die Auseinandersetzungen um die Vereinigung beider Ost- und West-Akademien 1993. Jens hat sein literarisches Archiv inzwischen der Akademie übergeben. Für ihn gehörte die Präsidentschaft in Berlin "zu den Hochzeiten seines Lebens", wie Inge Jens nach der Vorführung des Films in der Akademie sagte.

Die filmische Hommage erzählt von der jahrzehntelangen Lebens- und Arbeitspartnerschaft und gibt einen einfühlsamen Einblick in den Alltag des Tübinger Ehepaares seit der Erkrankung des heute 86- jährigen Literaturhistorikers und früheren Rhetorik-Professors. Es ist aber auch ein Blick "hinter die Kulissen" der "Schreibwerkstatt Jens", in der zuletzt noch gemeinsam als Alterswerk der Bestseller "Frau Thomas Mann" entstanden war, ein Porträt von Katia Mann (1883- 1980).

Der Film begleitet das Ehepaar bei seinen letzten öffentlichen Auftritten 2006, als Inge Jens merkte, dass ihr Mann, einer der letzten großen Bildungsbürger der Republik, beim Büchersignieren seinen Namen nicht mehr schreiben konnte. Der Regisseur unterbrach damals die Dreharbeiten und reiste im Frühjahr 2009 erneut nach Tübingen, um den jetzigen Alltag des Ehepaares mit der aufwendigen Pflege des sichtlich hinfällig gewordenen Walter Jens, der manchmal nachts durchs ganze Haus wandert, zu dokumentieren. So enthält der Film auch letzte Gespräche mit Walter Jens vor der Kamera. Noch einmal blättert das Ehepaar in alten Fotoalben, um an die Anfänge der Ehe und der Arbeit in Tübingen 1951 und die Begegnungen mit Geistesgrößen wie Ernst Bloch oder Hans Mayer zu erinnern.

Bei den letzten öffentlichen Lesungen muss die Germanistin Inge Jens zunehmend die eigentlich ihrem Mann zugedachten Passagen übernehmen. "Tut mir leid, ich kann nicht mehr", flüsterte der Ehemann ihr zu. "Das war für mich der Schlusspunkt, dem wollte ich ihn nicht mehr aussetzen". Es sei für ihren Mann wohl selbst die schlimmste Zeit gewesen, "dass er mit ansehen musste, dass seine Fähigkeiten abnahmen". So ist auch aus der Autobiografie von Walter Jens nichts mehr geworden. Seine Frau hat ihre in diesem Jahr mit großem Erfolg veröffentlicht ("Unvollendete Erinnerungen".) Dabei hat die Herausgeberin der Thomas-Mann-Tagebücher auch jene öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, die ihr in früheren Jahren als "Frau von Walter Jens" oft versagt geblieben ist.

Walter Jens hat Zeit seines Lebens gerne im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden, "auch weil er was zu sagen hatte", wie Inge Jens betont. Jetzt aber hoffe sie, dass ihr Mann seine Situation nicht mehr realisiert. "Es ist unendlich traurig, aber es ist wie es ist. Und er ist ein alter Mann, dem die bestmögliche Pflege zu Teil wird... Da es ihn mit über 80 Jahren getroffen hat, besteht kein Grund zum Hadern." Und ebenso nüchtern fügt die 82-Jährige hinzu: "Ich habe gelernt, die Krankheit zu akzeptieren ohne nach dem Warum zu fragen. Denn wenn ich sie stellen würde, müsste ich auch fragen, warum es uns so lange so unverhältnismäßig gut gegangen ist, und darauf habe ich auch keine Antwort."

Das Ehepaar hat eine gegenseitige Patientenverfügung niedergelegt, nach der in bestimmten Situationen auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet werden soll. "Ich werde vermutlich keine Zustimmung für eine Magensonde geben. Das hieße, dem lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen, so als wenn ich ihn in seinem jetzigen Zustand vom Leben zum Tode befördern würde."

Der Film zeigt das Ehepaar bei einem seiner letzten Spaziergänge auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo außer dem Philosophen Hegel und dem Dramatiker Brecht auch ihr gemeinsamer Freund und Weggefährte Hans Mayer seine letzte Ruhe gefunden hat. Inge und Walter Jens haben sich auch schon ihre letzte Ruhestätte ausgesucht - auf dem Stadtfriedhof in Tübingen in der Nähe von Friedrich Hölderlin und Ludwig Uhland.

 

 

 

Neues Deutschland 7.11.2009

Requiem für einen Denker
»Frau Walter Jens« – ein Dokumentarfilm von Thomas Grimm

Von Gunnar Decker

Am Anfang erinnern sie sich noch gemeinsam. Wie er nach dem Krieg in seinem Zimmer im Mantel saß, in dem der Ofen nicht geheizt war, obwohl draußen vor der Tür abgesägte Besenstiele darauf warteten, verfeuert zu werden. Wie sie sich von ihm Griechischunterricht geben lassen wollte und ihm dafür den Ofen heizte. »Griechisch habe ich nicht gelernt, aber den Ofen heize ich noch immer.« Inge Jens lacht jenes hanseatische Lachen in die Kamera, dem die Welt nicht viel anzuhaben vermag. Walter Jens, ihr Mann seit fast sechs Jahrzehnten, lacht auch, aber dies Lachen passt nicht zu ihm, ihm fehlt etwas: die Kontur.

Das ist 2006 und der Berliner Filmemacher Thomas Grimm wundert sich. Gewiss, Walter Jens leidet seit Jahren unter Depressionen, aber seine plötzlichen Gedächtnisausfälle und Artikulationsschwierigkeiten haben eine neue Qualität erreicht. Es ist nicht mehr zu übersehen, was Inge Jens längst weiß: Walter Jens, der 1923 geborene Intellektuelle, leidet unter Demenz. Die Krankheitsgeschichte ist von Sohn Tilman Jens auf drastische Weise geschildert worden und auch Inge Jens hat in ihrer in diesem Jahr erschienenen Autobiografie darüber geschrieben, wie es ist, einen Menschen Tag um Tag ein Stückchen mehr zu verlieren.

Das kann jedem passieren, das ist nicht einmal so selten. Brutal für den, der unter die Oberfläche des Bewusstsein zu geraten droht, den die Angst davor umkrallt wie einen Ertrinkenden. Manchmal merkt der im Dunkel der Bewusstlosigkeit Versinkende, wie es um ihn steht, und diese Angst belastet seine Umgebung noch zusätzlich. Welch Demütigung hält das Leben für den einst so stolzen Rhetorikprofessor bereit: ein hilflos lallendes Stück Natur zu sein, dessen Tod für alle eine Befreiung wäre.

Thomas Grimm führte die Interviews mit Inge und Walter Jens von 2005 bis 2009 – als Teil seiner großen Dokumentation über die prägenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Begonnen hat er mit diesem groß angelegten Projekt schon Mitte der 80er Jahre – und was Winfried Junge für Golzow, das ist Thomas Grimm für die deutschen Intellektuellen: ein Zeitzeuge, erst im Osten, dann auch im Westen. Sein Archiv mit vielen tausend Stunden Interviews ist so zum kostbaren Langzeitgedächtnis deutscher Geistesgeschichte geworden – von Hans Mayer, Walter Markov über Rudolf Schottlaender, Rudolf Bahro, Leo Kofler bis zu Günter Gaus und Peter Bender hat der unermüdliche Dokumentarist und studierte Philosoph inzwischen viele Dutzend filmische Porträts geschaffen, die niemals auf den vordergründigen Effekt setzen, sondern in aller epischen Ausführlichkeit Gespräche über Biografie und das Beharrende im Wechsel der Zeiten führen. So begann er auch beim Ehepaar Jens in Tübingen. Ein Interview mit Walter Jens und seiner Frau. Sie sprachen über Thomas Mann, über Tübingen und Ernst Bloch, über Editionsarbeit und das gemeinsame Schreiben ihres Buches »Frau Thomas Mann«.

Doch dann verschoben sich die Akzente – Walter Jens konnte immer weniger beitragen, Inge Jens bestritt die Gespräche mehr und mehr allein. Und nun verwandelt es sich in das filmische Protokoll einer Krankheit. Es ist eindrucksvoll und erschütternd zugleich zu sehen, wie das Ehepaar zum Mozart-Requiem in Potsdam 2006 aus einem Text von Walter Jens liest – es geht um Verlöschen und Tod – und Walter Jens plötzlich nicht mehr weiterlesen kann. Inge Jens übernimmt nun ganz seinen Part. »Tut mir leid, ich kann nicht mehr«, stöhnt er am Ende zu seiner Frau hinüber – und sein Gesicht ist pure Passion.

Dann wird es ein Film über Inge Jens – und einer über den Schatten Walter Jens. Wir sehen ihn noch, aber er kann kaum noch sprechen. Am schlimmsten sei, so Inge Jens, »der Verlust der verbalen Kommunikation«. Es ist nun auch ein Bericht über häusliche Pflege – und den Versuch der Frau, nicht daran zugrunde zu gehen, weiter mit der ihr gegebenen Stärke zu lesen und zu schreiben – die zwei, drei Stunden am Tag, die ihr Mann schläft. Nein, nicht »Frau Walter Jens« sehen wir hier, sondern Inge Jens, selbstverständlich selbstbestimmt lebend – und das zweifellos schon immer. Spazieren zu gehen, das traut sie sich höchstens noch für eine halbe Stunde am Tag. Da Walter Jens weiterhin im Haus betreut wird, aber von Helfern, die sie sich selbst ausgesucht hat, bekommt er statt Pflegestufe 3 nur sechshundert Euro. Prosa der deutschen Verhältnisse.

Wieviel Diskretion verlangt die Krankheit, wieviel Transparenz im Umgang mit ihr ist sinnvoll? Der Film beantwortet die Frage nicht, er zeigt den schweren Alltag einer Frau. Zerstört es das Bild des Intellektuellen Walter Jens, wenn man ihn so sieht? Diese Diskussion erhitzte sich besonders anhand des Buches seines Sohnes Tilman Jens. Sollten wir nicht lernen, etwas auseinanderzuhalten: das, was die Lebensleistung eines Menschen ist und das, was ihm unverschuldet zugestoßen ist? Letzteres vor den Augen der Welt zu verstecken, gibt es keinen Grund.

Heute Abend wird der Film »Frau Walter Jens« erstmals in der Berliner Akademie der Künste gezeigt.

 

 

 

Tagesspiegel 09.11.2009

Dokumentation

Bis dass der Geist euch scheidet
"Frau Walter Jens" in der Akademie der Künste: Die Uraufführung der Dokumentation war ausverkauft. Das Interesse am Thema Demenz und der Autorin lockt nicht nur jene, die Professor Jens als moralische Instanz verehrten.

Von Thomas Lackmann

Ein Unbehagen bleibt. Die Ehefrau formuliert es selbst. Das Publikum des Films, der ihr Leben an der Seite eines berühmten Kranken erzählt, widerspricht der 82-Jährigen; gelobt wird ihre Rede über eine Krankheit, die viele trifft. Inge Jens jedoch zweifelt. Ob sie genug Diskretion zum Schutz ihres Mannes bewahrt hat? Der Regisseur, sagt sie, konnte ihre Skrupel zerstreuen. Kein Vorwurf geht gegen den Sohn Tilman, der Anfang 2009 seinen „Abschied“ vom Vater für ein Buch verwertete und dessen Vergessen politisch deutete: als Flucht vor Fragen nach einer angeblich unterschlagenen NSDAP- Mitgliedschaft. Dissens mit dem Sohn sei ja erlaubt, lächelt die Mutter. In ihrer Autobiografie (2009) wird die Reduktion des intellektuellen Denkmals Jens nicht ausgespart. Ansonsten klingt das Gespräch in der Akademie der Künste eher so, als sei der Mann, von dem die Partnerin sagt, er sei nun ein „anderer“, unter der Erde. Aber Walter Jens lebt.

Die Uraufführung der Dokumentation war ausverkauft. Das Interesse am Thema Demenz und der Autorin lockt nicht nur jene, die Professor Jens als moralische Instanz verehrten. Thomas Grimme hat seinen Film „Frau Walter Jens“ vor allem aus drei Material-Strängen collagiert: ein Interview (2004) mit dem Paar, das gemeinsame Bücher noch 2003, 2005, 2006 publizierte; der letzte Auftritt des Walter Jens an der Seite seiner Frau, mit der er Mozarts Requiem kommentiert (2006); Besuche beim Patienten (2009). Texte zu Mozart werden mit Requiem-Passagen zur dramaturgischen Klammer. Drei Stadien der Persönlichkeit – der witzige, pointierte Jens; die Abschiedsvorstellung des Greises, der bald seinen Namen nicht mehr schreiben kann; der zu geistiger Kommunikation nicht mehr Fähige – erhellen und verdunkeln sich, krass montiert, gegenseitig. Auch Inge Jens verändert sich. Wenn sie zuletzt versucht, ihrem langjährigen Diskurs-Intimus das Erkennen alter Fotos abzutrotzen, spricht die Disziplinierte im Mutti-Ton.

Im Rahmen der AdK-Mitgliederversammlung und des Mauerfall-Jubiläums aufgeführt, würdigt der Film auch Jens, den Ost-West-Einiger: der als Fusions-Präsident der Akademie eine Alternative zum zynischen „Treuhand-Modell“ suchte. Inge Jens demonstriert, wie fair die Einheit zweier Partner aussehen kann. Im Film korrigiert sie harte Bezeichnungen, sagt: „traurig“ sei das passende Wort. Wo Mediziner aus dem Publikum jene therapeutische Zuwendung verklären, die der Patient Jens von Bauernhoftieren erfährt, rutscht der Gattin auf dem Podium dann doch die Situationsbeschreibung „schrecklich“ heraus. Horror des Totenreichs, intoniert durch Requiem-Pauken, stören die Illusion versöhnten Behagens.

„Frau Walter Jens“ handelt vom Wert des Menschen, von Erinnerung und Identität, vom Schrecken des Todes und der Liebe. Der ferne Blick des Walter Jens von der Terrasse, durch Gardine und Fenster in die Stube unseres Unbehagens, bleibt präsent.

 

 

 

Welt-online 9. November 2009

Eine doppelte Hommage: "Frau Walter Jens"

Von Eckhard Fuhr

Letzter gemeinsamer Auftritt von Inge und Walter Jens im Herbst 2006, eine Lesung zu Mozarts "Requiem", aufgeführt durch die Sinfonietta Potsdam, Todes-, Abschieds-, Erfüllungsmusik, dazwischen Briefe des Komponisten, Reflexionen über das Sterben und den Tod.Das Ehepaar sitzt dicht beieinander am Lesepult im Schein der Lampe.Walter Jens mustert ängstlich seine Papiere. Seine Frau führt seinen Zeigefinger an die Stelle, an der sein Part beginnt.Die Musik verstummt.

Letzter gemeinsamer Auftritt von Inge und Walter Jens im Herbst 2006, eine Lesung zu Mozarts "Requiem", aufgeführt durch die Sinfonietta Potsdam, Todes-, Abschieds-, Erfüllungsmusik, dazwischen Briefe des Komponisten, Reflexionen über das Sterben und den Tod. Das Ehepaar sitzt dicht beieinander am Lesepult im Schein der Lampe. Walter Jens mustert ängstlich seine Papiere. Seine Frau führt seinen Zeigefinger an die Stelle, an der sein Part beginnt.

Die Musik verstummt. Jens beginnt zu lesen, klar, ausdrucksvoll, in spannungsvollen Bögen. So ist man das gewohnt von dem Tübinger Rhetor, der bis zu seinem Verschwinden in der Demenz einer der repräsentativen Intellektuellen der Bundesrepublik war und immer noch Ehrenpräsident der Berliner Akademie der Künste ist. Doch dann stellt sich ihm beim nächsten Einsatz das Wort "Anonymität" in den Weg.

Es will ihm nicht über die Lippen kommen. "Du weißt, dass ich damit immer Schwierigkeiten habe", flüstert er seiner Frau leise zu, die nun seinen Part übernimmt. Walter Jens verstummt unter den Klängen des "Recordare". Am Ende der Aufführung hört man ihn sagen: "Es tut mir so leid."

Wir hören das beiseite Gesprochene und Geflüsterte, weil Walter und Inge Jens Mikrofone für die Tonspur eines Filmes tragen, den der Dokumentarist Thomas Grimm gerade über das durch eine gemeinsam verfasste Katia-Mann-Biografie ("Frau Thomas Mann") zu Bestseller-Ruhm gekommene Autorenpaar dreht. 2006 erzwang die rapide fortschreitende Demenz Walters den Abbruch dieser Arbeit. Doch im vergangenen Frühjahr und Sommer reiste Grimm abermals nach Tübingen, um mit Inge Jens über ihre veränderten Lebensumstände zu sprechen und aufzuzeichnen, was geschieht, wenn in einer Intellektuellenehe, die nicht zuletzt auch als permanentes Gespräch geführt wurde, ein Partner geistig erlischt.

Sollte Grimms Film ursprünglich nur Einblicke in die Tübinger Schreibwerkstatt der beiden geben, so ist aus ihm nun ein Essay auch über das Sterben geistiger Produktivität und über Daseinsbewältigung nach dieser Katastrophe geworden. Am Samstagabend wurde "Frau Walter Jens" in der Akademie der Künste uraufgeführt. Der RBB hat angekündigt, die Dokumentation am 20. Dezember ins Abendprogramm zu nehmen.

Die Nacht muss sich schnell über die geistige Landschaft von Walter Jens gesenkt haben. Noch im Sommer 2006 sitzt das Ehepaar zuhause gemeinsam vor der Kamera zur Lebenserzählung. Man merkt zwar schon, dass Inge den roten Faden spinnt. Doch Walters Einwürfe sind voller Witz und Ironie.

Genau erinnert er sich noch daran, wie das war, als er in einer Tübinger Dachwohnung hauste und nicht wusste, wie der Ofen anzuheizen war, und dass er seiner künftigen Frau versprach, ihr Griechisch beizubringen, wenn sie das Heizen übernehme. Auch denkwürdige Auftritte bei den Treffen der Gruppe 47 weiß Walter Jens plastisch zu schildern.

Ein Besuch aber in seinem alten Universitätsbüro zeigt einen alten Mann, der durch die Flure schlurft, sich diebisch freut, dass der noch den "Generaler", den Generalschlüssel, hat. Doch als er an seinem Schreibtisch sitzt und von den Examenskandidaten erzählt, die er hier prüfte, da ist mit Händen zu greifen, dass die Erinnerung nur noch aus Schemen im Nebel besteht. Bald führen seine Wege immer öfter im Rollstuhl in Begleitung einer Pflegerin zu einem Bauernhof. Denn bei den Kühen fühlt er sich wohl.

Ins Zentrum des Films rückt Inge Jens. In ihrer Mischung aus Aufopferungsbereitschaft, Disziplin, Härte und geistiger Neugier ist sie eine bewundernswerte Frau. Nachdem sie gerade ihr Erinnerungsbuch "Unvollständige Erinnerungen" vorgelegt hat, erfährt sie durch Grimms Film nun eine eindrucksvolle Hommage.

 

 

 

Westdeutsche Zeitung 8. November 2009

Abschied vom Partner: «Frau Walter Jens»
Berlin (dpa) - Eine Frau nimmt Abschied von ihrem Mann noch zu Lebzeiten des geliebten Partners, der bereits seine Reise in das Dunkel der Demenz-Krankheit angetreten hat.

«Die Ehe steht nicht zur Disposition, trotzdem ist es nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe. Es war ja eine geistige Partnerschaft über 50 Jahre unserer Ehe, das gibt es nicht mehr.» Die Worte der 82-jährigen Inge Jens über ihren Mann Walter Jens lassen keinen Zuschauer unberührt bei der Uraufführung des Films «Frau Walter Jens» von Thomas Grimm am Samstagabend in der Berliner Akademie der Künste. Lange Jahre hatte Walter Jens die Akademie geschickt und temperamentvoll geleitet, heute ist er deren Ehrenpräsident.

«Zusammen mit Heiner Müller hat er die Hauptlast der Vereinigungsquerelen getragen», sagte der heutige Akademiepräsident Klaus Staeck in Erinnerung an die Auseinandersetzungen um die Vereinigung beider Ost- und West-Akademien 1993. Jens hat sein literarisches Archiv inzwischen der Akademie übergeben. Für ihn gehörte die Präsidentschaft in Berlin «zu den Hochzeiten seines Lebens», wie Inge Jens nach der Vorführung des Films in der Akademie sagte.

Die filmische Hommage erzählt von der jahrzehntelangen Lebens- und Arbeitspartnerschaft und gibt einen einfühlsamen Einblick in den Alltag des Tübinger Ehepaares seit der Erkrankung des heute 86-jährigen Literaturhistorikers und früheren Rhetorik-Professors. Es ist aber auch ein Blick «hinter die Kulissen» der «Schreibwerkstatt Jens», in der zuletzt noch gemeinsam als Alterswerk der Bestseller «Frau Thomas Mann» entstanden war, ein Porträt von Katia Mann (1883-1980).

Der Film begleitet das Ehepaar bei seinen letzten öffentlichen Auftritten 2006, als Inge Jens merkte, dass ihr Mann, einer der letzten großen Bildungsbürger der Republik, beim Büchersignieren seinen Namen nicht mehr schreiben konnte. Der Regisseur unterbrach damals die Dreharbeiten und reiste im Frühjahr 2009 erneut nach Tübingen, um den jetzigen Alltag des Ehepaares mit der aufwendigen Pflege des sichtlich hinfällig gewordenen Walter Jens, der manchmal nachts durchs ganze Haus wandert, zu dokumentieren. So enthält der Film auch letzte Gespräche mit Walter Jens vor der Kamera. Noch einmal blättert das Ehepaar in alten Fotoalben, um an die Anfänge der Ehe und der Arbeit in Tübingen 1951 und die Begegnungen mit Geistesgrößen wie Ernst Bloch oder Hans Mayer zu erinnern.

Bei den letzten öffentlichen Lesungen muss die Germanistin Inge Jens zunehmend die eigentlich ihrem Mann zugedachten Passagen übernehmen. «Tut mir leid, ich kann nicht mehr», flüsterte der Ehemann ihr zu. «Das war für mich der Schlusspunkt, dem wollte ich ihn nicht mehr aussetzen». Es sei für ihren Mann wohl selbst die schlimmste Zeit gewesen, «dass er mit ansehen musste, dass seine Fähigkeiten abnahmen». So ist auch aus der Autobiografie von Walter Jens nichts mehr geworden. Seine Frau hat ihre in diesem Jahr mit großem Erfolg veröffentlicht («Unvollendete Erinnerungen».) Dabei hat die Herausgeberin der Thomas-Mann-Tagebücher auch jene öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, die ihr in früheren Jahren als «Frau von Walter Jens» oft versagt geblieben ist.

Walter Jens hat Zeit seines Lebens gerne im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden, «auch weil er was zu sagen hatte», wie Inge Jens betont. Jetzt aber hoffe sie, dass ihr Mann seine Situation nicht mehr realisiert. «Es ist unendlich traurig, aber es ist wie es ist. Und er ist ein alter Mann, dem die bestmögliche Pflege zu Teil wird... Da es ihn mit über 80 Jahren getroffen hat, besteht kein Grund zum Hadern.» Und ebenso nüchtern fügt die 82-Jährige hinzu: «Ich habe gelernt, die Krankheit zu akzeptieren ohne nach dem Warum zu fragen. Denn wenn ich sie stellen würde, müsste ich auch fragen, warum es uns so lange so unverhältnismäßig gut gegangen ist, und darauf habe ich auch keine Antwort.»

Das Ehepaar hat eine gegenseitige Patientenverfügung niedergelegt, nach der in bestimmten Situationen auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet werden soll. «Ich werde vermutlich keine Zustimmung für eine Magensonde geben. Das hieße, dem lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen, so als wenn ich ihn in seinem jetzigen Zustand vom Leben zum Tode befördern würde.»

Der Film zeigt das Ehepaar bei einem seiner letzten Spaziergänge auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo außer dem Philosophen Hegel und dem Dramatiker Brecht auch ihr gemeinsamer Freund und Weggefährte Hans Mayer seine letzte Ruhe gefunden hat. Inge und Walter Jens haben sich auch schon ihre letzte Ruhestätte ausgesucht - auf dem Stadtfriedhof in Tübingen in der Nähe von Friedrich Hölderlin und Ludwig Uhland.