Tagesspiegel 17.03.2010
Von Kerstin Decker
Wahlen in der DDR
Es war ein Kreuz
Wer bekommt die Macht? Vorm und im Palast der Republik hatten sich vor 20 Jahren Medien aus aller Welt eingerichtet.
Manche
haben den 18. März 1990 immer noch nicht verstanden, den Tag, an dem
die ersten und letzten freien Wahlen der DDR stattfanden. Manche schämen
sich. Und einer drehte einen Film darüber, wie die CSU in Sachsen
Wahlkampf machte.
Die ARD suchte eine Expertin Ost. Jemanden, der
am 18. März 1990 live im Studio die ersten freien Wahlen in der DDR
kommentiert. Angelica Domröse, die der DDR in der „Legende von Paula und
Paula“ eines ihrer schönsten Gesichter gegeben hatte?
Was da zu
kommentieren sein würde, schien klar. Ob die deutsche Einheit kommt, war
immer die Frage, das Wie dagegen fraglos: mit einem großen Linksruck in
Deutschland. Mit einem Sieg der Sozialdemokratie.
Es gibt
Menschen, die haben den 18. März 1990 noch 20 Jahre später nicht
verstanden. Und noch immer ist da eine seltsam hochschäumende Emotion.
Ja, manche schämen sich sogar, sobald die Rede auf den Tag kommt, an dem
die ersten und letzten freien Wahlen in der DDR stattfanden.
Aber
fanden diese Wahlen überhaupt in der DDR statt? Das Ergebnis einer
politischen Wahl ist, meint man, ein politisches Ergebnis. Oder sollte
auch das eine Täuschung gewesen sein?
Während Angelica Domröse
noch über ihre Eignung als Wahlexpertin Ost nachdachte – immerhin hatte
sie das Land 13 Jahre zuvor verlassen – und im Berliner Haus der
Demokratie eine junge Physikerin für den „Demokratischen Aufbruch“
Computer aus dem Westen auspackte – konservative Wahlkampfhilfe! –,
wurde der Berliner Filmemacher Thomas Grimm sehr nervös.
Er war
Inhaber des wohl ersten freien Filmstudios der DDR. Ein Herbstkind wie
die Freiheit, wie die Revolution. Grimm dokumentierte seit Dezember für
„Spiegel-TV“ den Untersuchungsausschuss der Volkskammer „gegen
Amtsmissbrauch, Korruption und persönliche Bereicherung“. Er wusste,
dass er über diesen 18. März 1990 einen Film machen musste. Kein Sender
hatte sich an ihn gewandt, aber der wahre Dokumentarist ist sein eigener
Auftraggeber. Nur verhielt es sich gerade umgekehrt wie bei der Frage
der deutschen Einheit. Das Dass schien ganz gewiss, aber vor dem Wie
stand er ratlos. Sollte er etwa den Leuten vor Wahllokalen auflauern wie
gewöhnliche Reporter?
Thomas Grimms „Zeitzeugen“-Filmstudio
liegt gleich hinter der Berliner Jannowitzbrücke, wo die Kneipen
beginnen, Namen wie „Melancholie Nr. 1“ zu tragen. Doch sein Büro verrät
einen Menschen, der sich zurücklehnen kann im eigenen Leben. Im Schutz
der deckenhohen Bücherwand sagt er, was er damals von einem Augenblick
auf den andern plötzlich wusste: „Ich muss raus aus Berlin!“ In den
kleinstmöglichen Ort, der wie ein Brennglas wäre. Sosa! Sosa im
Erzgebirge, keine 3000 Einwohner.
Grimm muss lachen. Er hat
seinen Film von damals wieder gesehen, ja, er hat ihn überhaupt nie
vergessen. Wie könnte er auch. „Deutsch und frei“ heißt er, genau wie
die Erzgebirgshymne, die damals alle Sosaer sangen. Wie Deutsche eben
singen. Mit schwerer Zunge, aber sehr laut. Und wer „Deutsch und frei“
kennt, argwöhnt: Nur ein erklärter Feind des Erzgebirges macht einen
Film wie diesen!
Doch kein Waldmensch sagt etwas Böses über einen
anderen Waldmenschen. Thomas Grimm, geboren 1954 in Aue, ist ein Sohn
des Erzgebirges. Selbst jetzt fällt ihm eigentlich kein Ort ein, der
schöner wäre als dieses Sosa.
Eigentlich hätte die Wahl im Mai
1990 stattfinden sollen. So hatte es der erste Runde Tisch Anfang
Dezember beschlossen. Und dazu die Erarbeitung eines Wahlgesetzes. Und,
ganz wichtig: keine Einmischung von außen. Selbst Helmut Kohl glaubte
Mitte Dezember noch an viele Jahre bis zur Wiedervereinigung. Obwohl er
damals schon dieses Helmut! Helmut! Helmut! im Ohr hatte. Und inzwischen
war es Ende Februar.
Der Wahltermin war vorgezogen worden. Aus
der Konsensorientierung des Runden Tisches war längst
Dissensorientierung, also Wahlkampf geworden. Der neue
Verfassungsentwurf für die DDR wurde am Runden Tisch nicht einmal mehr
besprochen.
Der Runde Tisch hatte in gewisser Weise das
herrschaftsfreie Kommunikationsideal des emeritierten Chefdenkers der
alten Bundesrepublik Jürgen Habermas verkörpert. Der hat das bloß nie
gemerkt, und was in der DDR geschah, lediglich als „nachholende
Revolution“ bezeichnet. So falsch das war, irgendwann wurde es richtig,
spätestens jetzt.
Neue Parteien, die anfangs gar keine Partei
sein wollten, hatten schon ganze Parteiengeschichten hinter sich. Etwa
der Demokratische Aufbruch zu dem Zeitpunkt, als die junge Physikerin
dort die Computer auspackte. Ihr Parteivorsitzender war inzwischen dazu
übergegangen, sich dem Ostvolk mit den Worten „Vor Ihnen steht der
nächste Ministerpräsident“ vorzustellen und dazu Cola-Dosen zu
verteilen. Helmut Kohl brauchte zehn Punkte bis zur deutschen Einheit?
Wolfgang Schnur brauchte nur sechs. Das fanden die meisten
Gründungsmitglieder des Demokratischen Aufbruchs zum Austreten peinlich,
weshalb der „nächste Ministerpräsident der DDR“ in akuter Gefahr stand,
bald allein in seiner Partei zu sein. Und er ernannte die
Computerauspackhilfe von einem Augenblick zum nächsten zu seiner
Pressesprecherin.
Aufbruch wohin?, fragen nur heillose
Idealisten, solche, wie sie am Beginn einer Revolution aufzutreten
pflegen. Na, wohin schon? Aufbruch zur Macht!, antworten unisono die
Männer und Frauen der zweiten Reihe. Auch die neugegründete Ost-SPD übte
sich inzwischen in Kraftmeierei: „Wir suchen die Macht. Wir wollen sie,
denn wir sehen keinen, bei dem sie besser aufgehoben wäre als bei uns.“
Die
Wahlprognose vom 17. Februar 1990 lautete: 36 Prozent SPD, sieben
Prozent Allianz für Deutschland (CDU, DSU – eine Art Ost-CSU –,
Demokratischer Aufbruch), fünf Prozent PDS, 45 Prozent unentschlossen,
viele davon wahrscheinlich Bündnis 90, in dem sich die meisten
Bürgerbewegungen zusammengeschlossen hatten.
Alle Bergbewohner zu
uns!, hatte die CSU über die bayerische Grenze gerufen. Grimms erster
Drehtag war der 16. März. Deutschlandfahnen wehten; in der Mitte, wo
sich bis eben Hammer und Zirkel im Ährenkranz befunden hatten, waren sie
ein wenig dunkler. „Lieber Fußpilz als Sozialismus!“ stand hellblau auf
einer grauen Betonwand. Kinder sammelten sich vor ihrer Schule
bereitwillig zum Gruppenbild mit Banane. Westreporter mochten das Motiv,
Ostreporter vielleicht auch. Am Nachmittag eine Wahlkampfveranstaltung
der DSU.
Die Großparteien West hatten den Wahlkampf Ost längst übernommen. Ihre Vertreter reisten landauf, landab.
Helmut! Helmut! Helmut!
Bis
Sosa kam der Bundeskanzler nicht, nach Sosa kam Herr Lothar Weller von
der CSU, Kriminalbeamter in Hof. Schon im dritten Satz fragte der die
Sosaer: „Wissen Sie, was Freiheit ist? Freiheit heißt, dass ich
individuell mit dem Verantwortungsbewusstsein in einer Gesellschaft
umgehen kann, wie es mir beliebt. Das ist Freiheit!“ Ob der etwas
genommen hatte vorher? Aber die Sosaer merkten nichts. Beifall! Grimm
schämte sich ein wenig für seine Erzgebirgler. Und Herr Weller war noch
lange nicht fertig mit der Freiheit: „Und Freiheit ruht und beruht auf
materiellem Wohlstand letzten Endes. Dort wo kein materieller Wohlstand
ist, ist auch keine Freiheit zu Hause. Das nur mal vorab.“
Die
Sosaer sahen Herrn Weller dankbar an. Sie hätten das nie so formulieren
können, aber auf solchen Zusammenhänge hatten sie gehofft. Dass es
nichts Traurigeres gibt als eine Existenz als bloßer Verbraucher, den
selbst keiner braucht, konnten sie nicht ahnen. Und dann war der Mann
aus Hof bei den „sozialen Errungenschaften der DDR“: „Sind das soziale
Errungenschaften, Ihre Krankenhäuser? Da würde sich nicht mal ein
Asozialer aus Hof reinlegen!“ Tosender Beifall. Das Filmteam schaute
sich an. War das dasselbe Volk, das noch vor ein paar Monaten auf den
Straßen des Landes gestanden hatte? Dieses Volk war witzig gewesen.
Hatte Goethe und Schiller in Weimar ein Plakat mit der Aufschrift „Wir
bleiben hier!“ umgehängt. Was dieses Volk schön gemacht hatte, war vor
allem sein Stolz gewesen.
Ein Wahlvolk muss eine ganz andere Art
Volk sein. Ironie der Geschichte: Sollte gar mit dem Aufkommen der
Einheitsfrage das Experiment Demokratie Ost beendet sein?
Grimm
schaute in die Gesichter der 22 Arbeiter des Maschinenbauers BLEMA Sosa,
die dem DSU-Wahlkampf-Trabi, von einem Ost-Zahnarzt gestiftet, bis vors
Werktor folgten: „Die Deutsche Soziale Union, eine neue dynamische
unbelastete Kraft. Freiheit statt Sozialismus!“, tönte es aus dem
Trabi-Lautsprecher, „Wir sind die Schwesterpartei von Franz Josef
Strauß. Unsere Grundwerte sind: Freiheit! Einheit Deutschlands auf
kürzestem Wege! … Deshalb: Wählen Sie am 18. März DSU!“ Ganz langsam
ging die Kamera von einem zum anderen. Grimm überlegt: „Was ich sah, war
leise Skepsis, verbunden mit einer unendlichen Hoffnung. Einer Hoffnung
so groß, dass selbst der gesunde Menschenverstand störte. So groß, dass
man selbst seine eigene Verunglimpfung beklatscht.“
Die Euphorie
war unduldsam gegen Abweichler. Als Abweichler galten im März 1990 in
Sosa alle, denen zuzutrauen war, dass sie nicht DSU wählen. Denen sollte
man ihre Gehälter lebenslang in Ostmark auszahlen!, rief Volkes Stimme.
Das war der neue Totalitarismus. Nebenan in Bockau wurde im Namen einer
Schnapsfabrik die erste „Miss Angelika“ gewählt. Angelika heißt eine
einheimische Wurzel stechenden Geruchs, die in den Schnaps kommt.
Grimm
hat kein Talent zum Entlarver, nicht einmal zur Selbstgerechtigkeit. An
ihm hatte die DDR einen ihrer letzten Schauprozesse inszeniert.
Schauprozesse
finden immer dann statt, wenn das, was dir geschieht, fast nichts mit
dem zu tun hat, was du getan hast. Grimm hatte als Leiter des Filmclubs
der Humboldt-Universität Ende der 70er Jahre den polnischen Film
„Tarnfarben“ gezeigt, ein Stück Intellektuellenkino über eine
verlotternde Universität im Sozialismus. Doch den sahen statt der
üblichen Cineasten ausgerechnet 180 Teilnehmer einer
Beststudenten-Konferenz inklusive Universitäts-SED-Parteileitung. Ja,
Thomas Grimm weiß es: Die Tragödien von gestern sind heute oft kaum mehr
verständlich. Und vielleicht wäre alles nur halb so schlimm gekommen,
hätte sich nicht kurz darauf in Polen die Solidarnosc gegründet. Nun
lautete der Verdacht gegen den Filmfreund: Unterwanderung der DDR in
Tateinheit mit der versuchten Gründung einer konterrevolutionären
Vereinigung. Nur gut, dass ein Staat, dem es gelungen war, den Geist der
Inquisition bis weit ins 20. Jahrhundert hineinzutragen, endlich
verschwand.
In der Nacht zum 18. März errichteten Jugendliche auf
dem Marktplatz von Sosa einen großen Galgen. Die Gebrauchsanweisung
gaben sie gleich mit: „Hängt die Wendehälse auf!“ Vor der Sosaer Kirche
ertönte am nächsten Morgen nach der Sonntagsmesse Blasmusik.
Feuerwehrleute bauten den Galgen wieder ab. Das Filmteam begleitete die
Fliegende Wahlurne, deren Überbringer den zu besuchenden
Wahlberechtigten auch gleich erklärten, wo das Kreuz hin musste.
Stunden
später gab der Sosaer Wahlkampfleiter bekannt: „Grüne Partei sieben
Stimmen, die Kommunistische Partei eine, die Partei des Demokratischen
Sozialismus 39, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands 20,
Verzeihung 95 Stimmen, Demokratischer Frauenbund eine Stimme, Deutsche
Soziale Union 576 …“ Weiter kam der Wahlkampfleiter nicht. Seine Stimme
ging im Deutschlandlied unter: „Von der Maas bis an die Memel …“ Es war
keine Drohung, nur Begeisterung. Das Wahlergebnis jenseits von Sosa:
Allianz für Deutschland (DSU plus CDU plus DA) 48,2 Prozent, SPD 21,8
Prozent, PDS 16,3 Prozent, Liberale 5,3 Prozent, Bündnis 90 2,9 Prozent.
Die
Einfältigen im Lande riefen: Die DDR hat die Kirche gewählt! Kein
Pfarrer hat das geglaubt. Die Sachverständige Ost im ARD-Wahlstudio
schien ratlos. Statt Antworten hatte sie nun selber lauter Fragen: Was
hat denn die CDU mit der Wende zu tun? Was hatte sie überhaupt mit der
DDR zu tun? Warum hat das Volk nicht die Bürgerbewegung gewählt, sich
selbst? So zu fragen, war naiv, sie wusste es selbst. Aber waren die
48,2 Prozent etwa nicht naiv?
Als Angelica Domröse das
ARD-Wahlstudio im Palast der Republik verließ, hielt das Volk sie am
Ärmel fest. Er werde ihr jetzt einmal erklären, warum er die CDU gewählt
habe, kündigte ein junger Mann an. Weil er Arbeiter sei. Und weil er am
Ende dieses Jahres ein Auto haben wolle. „Machen Sie es gut, gnädige
Frau!“ Angelica Domröse gewöhnte sich daran, Briefe zu empfangen, die
Anreden trugen wie „Sie dämliche Ziege!“
Der Cola-Mann, der sich
seinem Volk schon als neuer Ministerpräsident vorgestellt hatte, war
wenige Tage vor der Wahl als IM der Staatssicherheit enttarnt worden.
Seine Partei „Demokratischer Aufbruch“, direkt aus dem Herbst ’89
hervorgegangen, wenn auch von fast allen guten Geistern längst
verlassen, war das einzige demokratische Feigenblatt der Allianz für
Deutschland gewesen. Sie bekam 0,8 Prozent der Stimmen. Wolfgang Schnurs
Pressesprecherin Angela Merkel wurde trotzdem Pressesprecherin der
neuen christdemokratischen Regierung.
Die deutsche Vereinigung –
langsamer oder schneller – wäre in jedem Fall ein schwerer Weg geworden.
Den aber zu beginnen mit dem Versuch, sich selbst, das eigene
Herkommen, die eigene Geschichte einfach abzuwählen, würde Folgen haben.
Thomas Grimm, dem der vertraute Ort plötzlich so fremd war, wusste es
schon am 18. März 1990. „Die Formen des Gemütszustandes wechseln bei den
Ostdeutschen seitdem unablässig hin und her“, sagt Grimm, „zwischen
Verliererdepression und Gestaltungseuphorie.“
Er ist fünf Jahre
danach noch einmal nach Sosa gefahren, „Deutsch und frei, Teil 2“
entstand: „Jetzt fand ich die Gesichter versteinert. Bis in die
Physiognomien hatte sich das Bewusstsein des Verlierens gegraben. Nun
fühlte man sich erniedrigt im Verlust biografischer Identität.“
Die
22 Arbeiter von BLEMA Sosa hatten ihre Arbeitsplätze bereits verloren.
Miss Angelika 1990 hat nie wieder an einer Miss-Wahl teilgenommen, sie
betreute inzwischen als Krankenschwester auf einer psychiatrischen
Station vor allem Fälle von Schizophrenie und vereinigungsbedingter
Schwerstdepression.